Filmreihe - Wohnen in der Krise/Kämpfe um Wohnraum - Pfade durch Utopia

Datum: 
Montag, 4. April 2016 - 20:00
Kategorie: 
Veranstalter_in: 
Kartäuserwall ist überall
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Pfade durch Utopia, 2010, 108min, Isabelle Fremeaux, John Jordan

von www.fuereinebesserewelt.info

»Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie ein­mal war«. So beginnt der Rei­se­be­richt durch Euro­pas gelebte Uto­pien von Isa­belle Fre­meaux und John Jordon.

Unsere uto­pi­sche Vor­stel­lungs­kraft ist in der ersti­cken­den Atmo­sphäre der apo­ka­lyp­ti­schen Vor­her­sa­gen ver­küm­mert. Aber gerade dann, wenn die Uto­pie unvor­stell­bar wird, ist sie am uner­läss­lichs­ten. Viele von uns fürch­ten, dass es nicht mög­lich ist, auf eine radi­kal andere Art zu leben. Es gibt aber immer die Mög­lich­keit woan­ders hin­zu­ge­hen. Immer.

Mit die­sen Wor­ten beginnt das Buch »Pfade durch Uto­pia« der bei­den Künst­ler und Akti­vis­ten Isa­belle Fre­meaux und John Jor­don (www.labofii.net). Sie­ben Monate sind die bei­den mit einem Cam­ping­bus durch Europa gefah­ren und haben die unter­schied­lichs­ten, uto­pi­schen Gemein­schaf­ten, Unter­neh­men und Schu­len besucht. Frucht die­ser Exkur­sion ist ein hüb­sches Buch aus dem Ham­bur­ger Ver­lag Edi­tion Nau­ti­lus sowie ein Doku­men­tar­film auf beglei­ten­der DVD.

Permakultur & Umweltschutz: Klima Camp und Landmatters

Sei­nen Anfang nimmt die Reise in Groß­bri­tan­nien, der Hei­mat der bei­den. Es ist Nacht. Eine Truppe ner­vö­ser Akti­vis­ten drückt sich am Flug­ha­fen Heathrow nahe Lon­don herum. Sie pla­nen einen Acker zu beset­zen, auf dem die neue Start- und Lan­de­bahn ent­ste­hen soll, die wie­der ein­mal das Frei­set­zen von Ton­nen von kli­ma­schäd­li­cher Gase ermög­licht. Sie pla­nen ein Camp auf­zu­schla­gen, in denen es einen Monat lang krea­ti­ven, bun­ten, fröh­li­chen Pro­test geben soll. Sie sind erfolg­reich und schon hat John Jor­don den Leser mit­ge­nom­men in die inter­na­tio­nale Bewe­gung der Protest-Camps mit ihren basis-demokratischen Ent­schei­dun­gen, ihren Kom­post­klos und Fahr­rad­ki­nos, ihren Volx­kü­chen und Ad-Hoc-Aktionen.

Einen Monat spä­ter geht die Reise dann eigent­lich wirk­lich los. Die erste Sta­tion ist die Permakultur-Gemeinschaft Land­mat­ters (www.landmatters.org.uk), die die Idee und Phi­lo­so­phie die­ser Gestal­tungs­theo­rie ernst nimmt: Sie leben in ein­fa­chen Zel­t­hüt­ten, ohne flie­ßend Was­ser oder Strom. Dort ver­su­chen sie im Ein­klang mit der Umwelt zu leben. Ein Teil von ihr zu sein, anstatt sie aus­zu­beu­ten. Sie pla­nen und pflan­zen Wald­gär­ten – alles lang­fris­tig durch­dacht und ange­legt. Sie berich­ten von den Schwie­rig­kei­ten, auf die sie von Sei­ten des Rechts und der Nach­bar­schaft gesto­ßen sind. Und wie sie sie über­wun­den haben. Das macht Mut.

Anarchistische Schule & ein Dorf: Paideia und Marinaleda

Mut macht auch die anar­chis­ti­sche Schule in Spa­nien mit dem Namen Paideia (Grie­chisch für Erziehung/Bildung). John Jor­don berich­tet, wie hier bereits Drei­jäh­rige Ver­samm­lun­gen ein­be­ru­fen und lei­ten. Wie die Gro­ßen den Klei­nen hel­fen. Und die Klei­nen genau den glei­chen Respekt genie­ßen wie die Gro­ßen. Er schil­dert eine Welt, die man eigent­lich – wenn man nur unser hie­si­ges Kindergarten- und Schul­sys­tem kennt – kaum glau­ben kann: Sechs­jäh­rige, die Ver­ant­wor­tung für den Küchen­dienst über­neh­men? Vier­jäh­rige, die in der Lage sind, sich in andere Kin­der hin­ein zu ver­set­zen und ihre Sicht­weise zu ver­ste­hen? Das klingt uto­pisch – aber das darf es ja auch bei dem Buchtitel.

Danach kommt eine unge­plante Sta­tion: Das kleine, spa­ni­sche Dörf­chen Mari­na­leda (www.marinaleda.com) – eine Dorf­ge­mein­schaft, die dem ehe­mals ansäs­si­gen Her­zog Land abge­trotzt haben. Seit dem leben sie selbst ver­wal­tet. Es gibt zwar einen Bür­ger­meis­ter, doch der scheint nur pro forma gewählt zu sein. Die Gemein­schaft orga­ni­siert sich wei­test­ge­hend selbst. Zum Bei­spiel, wenn es um den Haus­bau geht. Hier gibt es ein Sys­tem aus Selbst- und gegen­sei­ti­ger Hilfe, sodass jeder Bewoh­ner von Mari­na­leda für wenige Euro im Monat Miete in »sei­nem« oder »ihrem« Haus woh­nen kann.

Öko-Gemeinschaften: Can Masdeu, La Vieille Valette, Cravirola & Longo Maï

Wo die Men­schen in Mari­na­leda noch recht klas­sisch leben und arbei­ten – also mit Arbeits­tei­lung und fes­ten -zei­ten – sind die Men­schen in den Gemein­schaf­ten Can Mas­deu (www.canmasdeu.net), La Vieille Valette (http://collectif.valette.free.fr), Cra­vi­rola (www.cravirola.com) und Longo Maï (http://coforum.de) freier orga­ni­siert. Das bedeu­tet nicht, dass sie weni­ger arbei­ten. Im Gegen­teil. In man­chen Gemein­schaf­ten zwin­gen die Schul­den die Men­schen sogar zu schmerz­haf­ten Kom­pro­mis­sen. Und so berich­tet Isa­belle Fre­meaux anschau­lich von den klei­nen und gro­ßen Sor­gen, von der Geschichte und Ent­wick­lung, von den Erfol­gen und den Niederlagen.

Sie zeigt die Unter­schiede zwi­schen den Gemein­schaf­ten auf, die zum Teil im phi­lo­so­phi­schen Hin­ter­grund zu fin­den sind, oder sich zum Teil auch aus der Ent­ste­hungs­ge­schichte erklä­ren lässt. Sie schil­dert, wie sich die Men­schen in ihrem All­tag orga­ni­sie­ren. Wel­che finan­zi­elle Basis sie haben. Und wie der Aus­tausch und die Kom­mu­ni­ka­tion mit der »Welt da drau­ßen« funk­tio­niert: Man­che Gemein­schaf­ten sind Teil eines Archi­pels ande­rer Gemein­schaf­ten, andere unter­hal­ten einen Radio- oder Fern­seh­sen­der. Wie­der andere betrei­ben Gast­häu­ser inklu­sive Seminaren.

Besetzte & selbstverwaltete Unternehmen: Zrenjanin

Rich­tig aben­teu­er­lich wird die Reise der Bei­den in Ser­bien. Nicht nur, dass sie die Spra­che nicht ver­ste­hen und die Kul­tur ganz anders ist. Es ist auch tiefs­ter Win­ter und rich­tig kalt. Beim Lesen kom­men mir unwei­ger­lich Bil­der und Gerü­che in den Sinn: Über­heizte, kleine Räume mit abge­latsch­tem Lin­ele­um­bo­den. Krat­zige Strick­pull­over mit muf­fe­li­gem Geruchs­an­teil. Vor Kälte gespann­ter Haut und zu klei­nen Wol­ken gefrie­ren­der Atem beim Gehen.

Doch die Herz­lich­keit und Gast­freund­schaft scheint über­wäl­ti­gend gewe­sen zu sein. Genauso wie der Mut der Arbei­ter: Nach­dem sie vom Staat nach der Wende ent­eig­net wur­den (im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wien hiel­ten die Arbei­ter einen Teil der Unter­neh­mens­ak­tien) und die Aktien im Namen der Demo­kra­ti­sie­rung an Inves­to­ren ver­kauft wur­den, sind sie heute dabei, wie­der zurück zu holen, was einst ihnen gehörte. Denn anschei­nend ver­su­chen etli­che Inves­to­ren durch Schein-Insolvenzen Geschäfte zu machen. Dar­un­ter lei­den am Ende nur die Arbei­ter – sie ver­lie­ren ihren Job.

Das die Arbei­ter sehr wohl so ein kom­ple­xes Unter­neh­men wie eine Pharma-Fabrik in einem so schwie­ri­gen, glo­ba­len Markt füh­ren kön­nen, haben sie in Zren­ja­nin (www.zrenjanin.rs) bewie­sen. Sie sind auf dem bes­ten Wege, ihre Fabrik in Eigen­re­gie (wie­der) ren­ta­bel zu machen – wäh­rend ihre Kol­le­gen in ande­ren Unter­neh­men noch um die Über­nahme ihrer Betriebe kämpfen.

Alternative Lebensformen: ZEGG & Christiania

In einem Buch über Uto­pien darf das Zen­trum für expe­ri­men­telle Gesell­schafts­ge­stal­tung, kurz ZEGG (www.zegg.de), natür­lich nicht feh­len. Die Gemein­schaft, die die Sied­lung eines ehe­ma­li­gen Stasi-Ausbildungslagers nahe Ber­lin bezo­gen hat, ist nicht unum­strit­ten. »Das ist so eine Art Sekte, und habt ihr nicht von den Pädo­phi­len gehört?«, wer­den die bei­den von befreun­de­ten Kreuz­ber­ger Lin­ken gefragt… Schon lange bro­deln die Gerüchte um die Gemein­schaft. Natür­lich auch, weil es den Men­schen hier unter ande­rem darum geht, mit ihrer Sexua­li­tät freier und frei­zü­gi­ger umzu­ge­hen. Umso ange­neh­mer liest sich der Bericht von John Jor­don, der abseits die­ser Vor­ur­teile und wert­frei ver­sucht das Leben im ZEGG zu schildern.

Geh sorg­sam mit der Gegen­wart um, die Du schaffst; denn sie soll der Zukunft ähneln, von der Du träumst

Chris­tia­nia (www.christiania.org) steht sicher­lich min­des­tens ebenso sehr und popu­lär für die Idee einer Uto­pie wie das ZEGG. Die selbst­ver­wal­tete Klein­stadt in Kopen­ha­gen hat sich mitt­ler­weile zu einem der zen­tra­len Touristen-Magneten der Stadt ent­wi­ckelt. Doch Jor­don und Fre­meaux wis­sen natür­lich auch hier von Din­gen hin­ter den Kulis­sen zu berich­ten, die man als »nor­ma­ler« Tou­rist nicht erfährt. Und so ist sie ein wür­di­ger Abschluss für die Expe­di­tion in Sachen Utopie!

Fazit: Wenn zwei eine Reise tun, dann können sie was erzählen!

Isa­belle Fre­meaux und John Jor­don ist gelun­gen, nicht ein­fach nur unter­schied­li­che Gemein­schaf­ten und Gemein­schafts­pro­jekte abzu­klap­pern. Die Sta­tio­nen und Pro­jekte sind sehr gut recher­chiert und sorg­fäl­tig aus­ge­wählt. So ergibt sich nicht nur ein­fach irgend eine Reise durch Europa (also in geo­gra­fi­scher Sicht). Nein, die bei­den neh­men ihre Leser mit auf eine Reise durch ver­schie­dene uto­pi­sche Phi­lo­so­phien, Theo­rien und Expe­ri­mente. Das beginnt mit der Idee der Per­ma­kul­tur über den Anar­chis­mus, nimmt einen Schlen­ker über die Basis-Demokratie, alter­na­tive Wirt­schafts­for­men, den Punk und natür­lich die »freie« Liebe…

Der Ein­zige – aus mei­ner Sicht – nicht so gelun­ge­ner Punkt ist der Film. Ich habe zunächst das Buch gele­sen und freute mich, in dem Film »alte Bekannte« aus dem Buch mal in Bewe­gung und Farbe zu sehen. Doch der Film ver­sucht expe­ri­men­tell künst­le­risch zu sein, ohne es wirk­lich über­zeu­gend zu tun. So gut aus­ge­ar­bei­tet das Kon­zept des Buchs ist, so sehr man­gelt es dem Film am roten Faden und einer erkenn­ba­ren Geschichte. Macht aber Nichts! Denn das Buch ist es alle­mal wert, gele­sen zu wer­den – nicht nur für unver­bes­ser­li­che Uto­pis­ten, son­dern gerade für die­je­ni­gen, die Alter­na­ti­ven schon längst abge­schrie­ben haben! Danke an John und Isa­belle für die tol­len Stun­den mit die­ser wert­vol­len Lektüre!

Mehr zum Buch auf https://www.direkteaktion.org/213/klima-camp